Manipulation durch sprachliches Framing

ein Beitrag von Christian Johannes Hüning

Die folgenden Inhalte basieren zum großen Teil auf dem Buch „Politisches Framing“ von Elisabeth Wehling (2016), welches auch als weiterführende Lektüre empfohlen wird.

Wir sollen auf Grundrechte im Namen des „Klimaschutzes“ verzichten, da uns ansonsten die „Klimakatastrophe“ droht. Wenn der Staat die Eltern als Erziehungsberechtigte ablöst, sprechen wir von „Kinderrechten“. Einwanderer werden unabhängig ihres Status als „Flüchtlinge“ bezeichnet. Bei Begriffen wie „Klimaschutz“, „Klimakatastrophe“, „Kinderrechte“ oder „Flüchtlinge“ handelt es sich um metaphorische Sprachbilder, die unser Denken lenken und unsere Wahrnehmung politischer Zusammenhänge beeinflussen. Dennoch hält sich der Glaube unter vielen Bürgern, Wissenschaftlern, Journalisten und insbesondere bürgerlichen Politikern, dass die Menschen rational, objektiv und bewusst denken sowie entscheiden. Aus ihrer Sicht wird sich deshalb das bessere Argument automatisch durchsetzen. Kognitionswissenschaftlich hat sich hingegen bereits die Erkenntnis durchgesetzt, dass kognitive Deutungsrahmen, sogenannte „Frames“, entscheidend das Denken und Handeln in der Politik beeinflussen.

Um die Funktionsweise von Frames zu verstehen, ist es notwendig, ein Verständnis zu haben wie das menschliche Gehirn Sprache verarbeitet. Das grundlegende Konzept, das den Menschen befähigt, Sprache zu verstehen, ist die kognitive Simulation. Um Wörter oder Ideen verarbeiten zu können, muss unser Gehirn Wissen und Bedeutungszusammenhänge aus früheren Erfahrungen aktivieren. Zu diesem Wissen und Bedeutungszusammenhängen gehören unter anderem Sinneswahrnehmungen, Bewegungsabläufe und Gefühle. Die Kognitionswissenschaft nennt dieses Phänomen „Embodied Cognition“, da wir quasi körperliche Prozesse abrufen um Sprache zu verstehen.

Im folgenden Beispiel wird das Phänomen der „Embodied Cognition“ deutlich: Denken Sie an einen „Stift“. Vermutlich haben Sie mehrere Assoziationen zu dem Begriff „Stift“. Ein Stift der auf Ihren Schreibtisch liegt, ein Stift mit dem Sie gerade schreiben oder einen Stift mit den Sie gerade in Ihren Händen spielen. Diese Gedanken können Sie leicht bewusst benennen. Das Gehirn geht aber jedes Mal einen Schritt weiter und plant direkt den gesamten Bewegungsablauf mit einem Stift. Dies geschieht in dem prämotorischen Bereich des Gehirns.

Die Bedeutung der kognitiven Simulation wird insbesondere dann deutlich, wenn Menschen z.B. aufgrund von Erkrankungen unter einer Teilschädigung des Gehirns leiden. Verschiedene Studien zeigen beispielsweise, dass Menschen mit einer Schädigung der prämotorischen oder motorischen Bereiche des Gehirns als Folge eines Schlaganfalls oder einer anderen Krankheit Schwierigkeiten bei dem Verständnis von Verben haben (Arevalo et al., 2012; Bak et al, 2001; Bak et al., 2006). Es handelt sich dabei um eine direkte Folge aus der Tatsache, dass das Gehirn bei diesen Patienten gehemmt ist, die in einem Verb implizierten Bewegungen zu simulieren.

Das Gehirn simuliert jedoch nicht nur die unmittelbare Bedeutung der Wörter und Sätze. Stattdessen werden von dem Gehirn zahlreiche weitere Konzepte simuliert die unser Gehirn mit einem Wort bzw. Satz verbindet, um die Bedeutung von Sprache zu verstehen. Mit anderen Worten: Unser Gehirn aktiviert und simuliert Deutungsrahmen, so genannte Frames, damit das Gehirn Wörter oder Ideen verstehen kann. Der Inhalt und die Struktur eines Frames, die so genannte Frame-Semantik, wurde auf der Grundlage unserer Erfahrungen in der realen Welt entwickelt. Zu diesen Erfahrungen gehören sowohl körperliche Aspekte wie Bewegungen, Emotionen oder Sinneswahrnehmungen als auch Erfahrungen mit Sprache und Kultur.

Frames & Metaphern

Dabei geht die Bedeutung dieser Frames noch viel weiter. Frames beeinflussen nämlich, wie wir die Welt wahrnehmen und wie wir handeln. Des Weiteren nehmen wir Informationen schneller wahr, wenn Information zu einem aktivierten Frame passen.

Frames haben einige weitere wesentliche Eigenschaften:

  1. Frames sind selektiv. Sie betonen einige Aspekte einer Information und verbergen andere.
  2. Frames helfen Information zu interpretieren, da Menschen nicht faktisch und objektiv denken können. Stattdessen brauchen Menschen Frames, um Information zu klassifizieren.
  3. Frames wirken unbewusst auf unseren Denkprozess.
  4. Experten sind anfälliger für Frames, da sie durch umfassende Beschäftigung mit einem Thema bereits tiefer verankerte Frames zu diesem Thema haben.
  5. Frames können nicht verneint werden. Eine Verneinung aktiviert automatisch den entsprechenden Frame, um die Bedeutung verstehen zu können.
  6. Frames unterliegen der Hypokognition. Hypokognition bedeutet, dass Ideen verbalisiert werden müssen, damit sie gedacht werden können. Mit anderen Worten: Was nicht gesagt oder gelesen wird, wird auch nicht gedacht.

Ein Konzept, das eng mit Frames verbunden ist, sind Metaphern. Wir setzen abstrakte Ideen mit Hilfe von Metaphern mit körperlichen menschlichen Erfahrungen in Beziehung, um sie verständlich zu machen. Dieses Phänomen wird als metaphorisches Mapping bezeichnet. Dies geschieht unabhängig davon, ob wir eine Metapher mögen oder nicht. Ohne Metaphern könnten wir nicht über und durch abstrakte Ideen denken. Daher ist es von großer Bedeutung, welche Metaphern wir mit bestimmten Vorstellungen verbinden, da dies einen entscheidenden Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Welt hat.

Unsere geschriebene und gesprochene Sprache ist voll von Metaphern. Deshalb ist es wichtig, zwischen begrifflichen und sprachlichen Metaphern zu unterscheiden. Sprachliche Metaphern sind rhetorische Mittel, die dazu dienen, Sachverhalte und Themen sehr anschaulich zu beschreiben. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ausdruck “um den heißen Brei herumreden”. Im Gegensatz dazu stehen die konzeptuellen Metaphern, ein Begriff, der seinen Ursprung in der Kognitionswissenschaft hat. Die Grundlage dieses Konzepts ist die Conceptual Metaphor Theory von Lakoff und Johnson (1980). Begriffliche Metaphern wirken meist unbewusst und helfen, unsere Gedanken zu strukturieren. Daher haben Metaphern Auswirkungen auf unsere verbale und nonverbale Kommunikation sowie auf unser Verhalten. Metaphern sind also weit mehr als geschriebene und gesprochene Worte. Darüber hinaus aktivieren und verstärken Metaphern die Metaphern in unserem Gehirn.

Quell- & Zieldomäne

Eine Metapher besteht immer aus eine Quell- und eine Zieldomäne. Metaphorisches Mapping bedeutet, dass Teile der Frame-Semantik der Quelldomäne auf die abstrakten Ideen der Zieldomäne übertragen werden. Zum Beispiel ist die Metapher “mehr ist höher”, die üblicherweise in einem Preiskontext verwendet wird, wie “hohe” oder “niedrige Preise”, eine vertikale Domäne, die als Quelldomäne für die Zieldomäne der Preisniveaus verwendet wird. Ein weiteres Beispiel ist die Tagesschau-Schlagzeile (2022) „Klimawandel bedroht Gipfelgletscher“, in der der „Klimawandel“ mit dem Quelldomänenkonzept „bedrohen“ personifiziert wird. Diese Domänen sind für uns notwendig, um abstrakte Ideen verstehen zu können.

Unsere Sprache ist in hohem Maße durch Metaphern strukturiert, da wir Menschen automatisch in Metaphern denken. Von Geburt an baut unser Gehirn ein großes Netzwerk metaphorischer Maps auf, die als kognitive Verbindungen zwischen unseren weltlichen Erfahrungen und abstrakten Ideen genutzt werden.

Metaphern sind wichtig

Unser Gehirn kennt eine Unzahl von Metaphern. Infolgedessen können wir metaphorische Sprache genauso schnell verstehen wie nicht-metaphorische Sprache. Außerdem erkennen wir nicht einmal, wenn Informationen in metaphorischer Sprache präsentiert werden. Daher aktivieren Metaphern unbewusst verwandte Rahmen. Deshalb haben Metaphern dieselben Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir denken, die Welt wahrnehmen oder uns in bestimmten Situationen verhalten, wie Frames. Darüber hinaus aktivieren sie dieselben Hirnareale, die aktiv sind, wenn wir über das Konzept des Ausgangsbereichs.

Ein gutes Verständnis von Metaphern ist aus vier Gründen wichtig:

  1. Man kann abstrakte Ideen nur mit Hilfe von Metaphern kommunizieren.
  2. Metaphern und Frames funktionieren auf ähnliche Weise. Sie heben bestimmte Informationen hervor und ignorieren andere. Metaphern sind sehr selektiv.
  3. Metaphern beeinflussen die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.
  4. Es gibt keinen anderen vergleichbaren sprachlichen Mechanismus, der abstrakte Ideen so verständlich macht wie Metaphern. Metaphern machen abstrakte Ideen “greifbar” und “wahrnehmbar”.

Wenn Sie an die eingangs erwähnten Metaphern denken, wird klar was diese bei uns Menschen auslösen. Beispielsweise soll die Metapher „Klimakatastrophe“ uns aufzeigen, dass wir einem apokalyptischen Szenario Entgegen gehen. Die Metapher aktiviert dabei die entsprechenden Teile des Gehirns und soll Angstgefühle auslösen. Schutz bieten nur Maßnahmen des „Klimaschutzes“. So haben Menschen gleich ein beruhigtes Gefühl, wenn sie beispielsweise Grundrechtseinschränkungen und Steuererhöhungen für diesen Schutz in Kauf nehmen müssen.

Oder stellen Sie sich eine große deutsche Talkshow vor. Ein Politiker würde sich gegen die Verstaatlichung von Kindern, welche unter der Metapher „Kinderrechte“ propagiert wird, aussprechen. Wollen wir nicht alle das Beste für unsere Kinder? Ihnen mehr Rechte geben? Unser Gehirn reagiert vermutlich positiv auf die Metapher „Kinderrechte“. Der oben genannte Politiker könnte wahrscheinlich sein politisches Testament nach dieser Talkshow schreiben. Die Metapher „Kinderrechte“ ist einfach zu wirkmächtig. Dem Politiker sei geraten, seine eigene Metapher zu nutzen, um das Denken der Zuhörer in seine gewünschte Richtung zu lenken.

Fazit

Libertäre Menschen sollten deshalb zwei Lehren aus der Macht der sprachlichen Frames und konzeptuellen Metaphern ziehen:

  1. Sprachliche Frames und konzeptuelle Metaphern sind wirkmächtige Instrumente, die das Denken, die Wahrnehmung und das Handeln lenken.
  2. Eine Kommunikation ohne diese Instrumente ist nicht möglich. Deshalb sollten sich Libertäre überlegen, wie sie sprachliche Frames und Metaphern möglichst wirksam einsetzen. Ein Beispiel aus den USA kann dies verdeutlichen: Unter republikanischen Politikern hat es sich eingebürgert, die Erbschaftsteuer als „Todessteuer“ (engl. „death tax“) zu bezeichnen. Bei dieser Metapher lässt es den Leser doch direkt bei den Gedanken erschaudern, auch noch auf seinen Tod Steuern zahlen zu müssen.