Zinsen sind gut!

Ein Beitrag von Christian Johannes Hüning

In der Diskussion um volkswirtschaftliche Belange begegnet es mir immer wieder, dass viele Menschen Probleme mit dem Phänomen der Zinsen haben. Nicht selten wird der Zins als das Übel in unserer Volkswirtschaft betrachtet, das für viele Probleme in unserer Volkswirtschaft verantwortlich sein soll. Dass diese Vorurteile nicht haltbar sind, zeigte unter anderem der österreichische Ökonom Ludwig von Mises in seinen Arbeiten umfassend auf. Dabei kommt er zur Schlussfolgerung: Ohne Zinsen ist keine hochentwickelte und arbeitsteilige Wirtschaft möglich.

Kürzlich erklärte mir ein Bekannter, dass das Zinssystem das große Problem unserer Zeit sei. Die Zinsen wären aus seiner Sicht für alle möglichen volkswirtschaftlichen Verwerfungen unserer Zeit verantwortlich. Deshalb müssten Zinsen staatlich verboten werden. Ich machte ihm daraufhin das Angebot, dass er mir doch einen größeren positiven Geldbetrag für die nächsten zehn Jahre leihen könnte. Selbstverständlich würde ich ihm keine bösen Zinsen zahlen. Dankend lehnte er das Angebot mit dem Hinweis ab, dass er nichts zu verschenken habe. Er könne dann besser etwas Schönes für sich kaufen. Ihm schwebt dabei gedanklich ein neues Sportauto vor.

Im Kern hat mein Bekannter mit seiner Antwort die Zeitpräferenztheorie des Zinses des US-amerikanischen Ökonomen Frank A. Fetter praktisch verdeutlicht. Denn wir handelnden Menschen möchten unsere Bedürfnisse lieber in der Gegenwart befriedigen als in der Zukunft. Leider sind aber unsere Mittel zur Erreichung unserer Ziele knapp, weshalb wir sie „bewirtschaften“ müssen. In anderen Worten, wir müssen uns entscheiden, wie wir unsere Mittel einsetzen um unsere Ziele zu erreichen. Mein Bekannter muss sich also entscheiden, ob er mit seinem Geld das Ziel, sich bereits heute ein Sportauto zu kaufen, verfolgt oder ob er mir das Geld leiht, und er sein Ziel erst in zehn Jahren erfüllt.

Zeit ist dabei ebenfalls ein knappes Mittel, dass der Mensch für seine Handlungen zur Zielerreichung einsetzen muss. Denn es ist für Menschen nicht möglich, zu handeln ohne Zeit aufzuwenden. Man muss sich also zwischen verschiedenen Handlungsoptionen entscheiden. Die Zeitpräferenz der Menschen führt nun dazu, dass der Mensch die sofortige Erfüllung seiner Bedürfnisse eine künftige Erfüllung von Bedürfnissen gleicher Art vorziehen wird. Meinem Bekannten ist deshalb das Sportauto heute mehr wert als in zehn Jahren. Es besteht also zwischen dem Gegenwartsgut (Sportauto heute) und dem Zukunftsgut (Sportauto in zehn Jahren) eine Wertdifferenz.

Diese Wertdifferenz zwischen Gegenwartsgut und Zukunftsgut bezeichnete Ludwig von Mises als Urzins. Es handelt sich dabei um eine individuelle Größe, die sich von Mensch zu Mensch unterscheidet. Ein Mensch der einen hohen Urzins hat, hat eine hohe Zeitpräferenz.

Folgendes Beispiel verdeutlicht die praktische Bedeutung des Urzins und der Zeitpräferenz: Mein Bekannter hat eine hohe Zeitpräferenz und somit einen hohen Urzins. Von ihm wird Gegenwartskonsum sehr präferiert. Er möchte sich deshalb sofort einen Sportwagen kaufen und verzichtet weitestgehend auf das Sparen. Ich habe hingegen eine niedrige Zeitpräferenz und folglich einen niedrigen Urzins. Künftiger Konsum hat bei mir eine höhere Bedeutung als bei meinem Bekannten. Deshalb spare ich mehr und würde mir einen Sportwagen erst in einigen Jahren kaufen.

Wichtig ist, dass die Zeitpräferenz und der Urzins immer positiv sind. Denn was würde bei einem Urzins von null passieren? Es gäbe keine Wertdifferenz zwischen Gegenwartsgut und Zukunftsgut. Meinem Bekannten wäre es also bei einem Urzins von null egal, ob er das Gegenwartsgut (Sportauto heute) oder das Zukunftsgut (Sportauto in zehn Jahren) konsumieren würde.

Des Weiteren würde er sogar zwei Sportautos in tausend Jahren einem Sportauto heute vorziehen. Bei einem negativen Urzins würde das Zukunftsgut dem Gegenwartsgut bevorzugt werden. Grundsätzlich würde mein Bekannter (und jeder andere handelnde Mensch) bei einem negativen Urzins oder einem Urzins von null auf das Konsumieren gänzlich verzichten. Bei einem nicht positiven Urzins handelt sich dabei offensichtlich um eine abwegige Überlegung. Sobald ein gegenwärtiges Bedürfnis vorliegt, liegt also ein positiver Urzins vor.

Was bedeutet nun die Existenz des individuellen Urzins eines jeden handelnden Menschen für eine Volkswirtschaft? In einer freien Marktwirtschaft würde sich der Urzins der Volkswirtschaft durch Angebot und Nachfrage nach Ersparnissen im Kapitalmarkt bilden. Die handelnden Menschen würden also Gegenwartsgüter (100€ heute) mit Zukunftsgütern (100€ in einem Jahr) vergleichen. Der zu beobachtende nominale Marktzins würde sich dann als Summe des volkswirtschaftlichen Urzins zuzüglich verschiedener Prämien wie z.B. für Inflation, Risiko und Liquidität ergeben.

Anders als der Urzins könnte der nominale Marktzins negativ sein. Denn die Inflationsprämie könnte negativ sein und somit den volkswirtschaftlichen Urzins sowie die anderen Prämien überkompensieren. Falls beispielsweise eine Deflation von 5% in einer Volkswirtschaft herrscht und der volkswirtschaftliche Urzins 2% beträgt (Risiko- und Liquiditätsprämie betragen 0%), würde sich ein nominaler Marktzins vom minus 3% einstellen. Dies ist ökonomisch unbedenklich.

Leider haben wir keinen freien Markt für Ersparnisse, sondern leben in einer Welt mit Zentralbanken, die aktiv versuchen, die Kapitalmärkte zu „steuern“ (Mudlack und Polleit bezeichnen dieses Phänomen im Buch „Geldzeitenwende“ passend als „Zentralbank-Marxismus“). Die Zentralbank kann durch verschiedene Formen der Intervention den Marktzins so manipulieren, dass er auch nach Abzug der Inflation negativ wäre. Aufgrund der positiven Zeitpräferenz der handelnden Menschen würden diese nur noch Gegenwartsgüter konsumieren wollen. Der Konsumverzicht, sogenanntes Sparen, zugunsten von Zukunftsgütern würden die handelnden Menschen einstellen, da er nicht mehr entlohnt werden würde. Alles würde sich nur noch um sofortigen Konsum drehen. Der volkswirtschaftliche Kapitalstock würde aufgezehrt werden. Da nicht mehr gespart werden würde, würden keine Investitionen mehr getätigt werden. Eine hochentwickelte, produktive und arbeitsteilige Volkswirtschaft könnte nicht mehr existieren.

Folglich konstatierte von Mises (1940, Nationalökonomie, S. 483): „Man kann daher den Zins nicht ‚abschaffen‘. Man kann den Zinsbezug der Eigentümer der Produktionsmittel beschränken oder beseitigen; doch dann hat man eine Lage herbeigeführt, in der die Kapitalien aufgezehrt werden. Wer den Urzins beseitigen wollte, müsste die Menschen dazu bringen, einen Apfel, der in hundert Jahren verfügbar sein wird, nicht niedriger zu schätzen als einen genussreifen Apfel.“