Das Menschenbild der europäischen Zivilisation

ein Beitrag von Arno Bublitz

Es erscheint selbstverständlich, dass ein gesellschaftliches System für seine Regeln ein halbwegs einheitliches Menschenbild benötigt. Zumindest aber sollte es arm an Widersprüchen sein. Denn nur schwer können wir uns vorstellen, dass ein Mitglied einer Gesellschaft in einem Aspekt, zB der persönlichen Gesundheitsvorsorge, einem unmündigen Kind gleich behandelt wird, während es in einem anderen Aspekt, zB der Berufswahl, vollständige Autonomie genießt.

Das Bild vom Herrscher als Mensch

Auch für die Herrscher einer Gesellschaft müssen Regeln gelten. Und auch diese Regeln orientieren sich am Bild, welches die Gesellschaft von ihren Herrschern als Menschen hat. Sind die Herrscher der Grundannahme nach weise und gütig und versuchen immer, im Interesse der Gesellschaft zu entscheiden und benötigen daher keine besondere Machtbeschränkung? Sind es Tyrannen, die sich nur deshalb an bestimmte Regeln zu halten haben, weil sie sonst vom nächsten Tyrannen gemeuchelt werden? Sind es normale Menschen mit Fehlern und Schwächen wie alle normale Menschen, die durch Begrenzung ihrer Macht daran gehindert werden, ihre Fehler und Schwächen zum Nachteile der Gesellschaft einzusetzen?

Es sind diese beiden Menschenbilder, die das Regelwerk einer Gesellschaft stark prägen: Das Menschenbild des normalen Gesellschaftsmitglieds und das Menschenbild der Herrscher.

Vernunftbegabt, fehlbar, mit Schwächen behaftet: Der Mensch im europäischen Kulturkreis

Unterschiedliche Kulturkreise nutzen unterschiedliche Menschenbilder als Prämisse für die Ausgestaltung ihrer Gesellschaften. Im westlichen, europäischen Kulturkreis hat sich zur Zeit der Aufklärung und auf der Basis der christlichen Religion und der altgriechischen Philosophie folgendes Menschenbild entwickelt: Der einzelne Mensch ist vernunftbegabt, er kann und soll eigene Entscheidungen treffen. Als Mensch hat er seiner Natur nach aber auch Fehler und Schwächen. Diese Fehler und Schwächen können zu Fehlentscheidungen führen, deren Konsequenzen der Mensch selbst zu tragen hat.

Im europäischen Kulturkreis ist der Herrscher ein Mensch wie alle anderen auch. Er ist ebenfalls vernunftbegabt und ebenfalls mit Fehlern und Schwächen ausgestattet. Seine Entscheidungen jedoch reichen weit über die eigene Existenz hinaus. Deshalb ist es wichtig, die Macht des Herrschers zu beschränken. Im politischen System der USA nennt man diese Beschränkungen “Checks and Balances”, also Prüfungen und Balancen. Die Amerikanische Verfassung ist ein Regelwerk zum Schutze des Bürgers vor der Übergriffigkeit des Staates in Gestalt der Regierung. Dies gilt auch für die meisten europäischen Verfassungen jüngeren Datums.

Power tends to corrupt

Der britische Historiker Lord Acton, ein Zeitgenosse und Freund von Alexis de Tocqueville, prägte den als “Lord Acton’s dictum” bekannt gewordenen Ausspruch “Power tends to corrupt and absolute power corrupts absolutely.”. Auf Deutsch sagt man im Kleinen: “Gelegenheit macht Diebe”. Beide Sprichworte deuten darauf hin, dass die oben angesprochenen Beschränkungen von Macht notwendig sind für das langfristige Gedeihen einer Gesellschaft.

Spitzfindige Denker leiten daraus eine Umkehrung der Unschuldsvermutung ab. Für den Bürger vor Gericht gilt, dass er unschuldig ist, solange seine Schuld nicht erwiesen ist. Bei der Beurteilung der Absichten von Politikern erscheint es dagegen ein guter Ansatz zu sein, das Gegenteil der Unschuldsvermutung anzunehmen. Die Entscheidungen der Politiker wirken weit über ihr unmittelbares Umfeld hinaus. Zugleich sind Politiker Menschen, das heißt vernunftbegabt aber fehlbar und mit Schwächen behaftet. Es ist die Menschlichkeit der Politiker und die Reichweite ihrer Entscheidungen, die den Bürger zur Argwohn treiben sollten.

Die Umkehrung der Unschuldsvermutung für politische Vorhaben läßt sich so formulieren: Solange nicht das Gegenteil bewiesen ist, muss man davon ausgehen, dass eine Gesetzesinitiative allein dem Machterhalt, der Machtausweitung und der persönlichen Bereicherung dient oder auch einfach nur dumm ist.

Das Menschenbild in totalitären, kollektivistischen Gesellschaften

Das Menschenbild des irrenden, schwachen aber dennoch vernunftbegabten und selbstständigen Menschen unterscheidet sich stark von den Menschenbildern totalitärer, kollektivistischer Gesellschaften. Der größte Kontrast zum westlichen Menschenbild ist der Mensch im Sozialismus, der zum Wohle des Kollektivs zu existieren hat. Ist er für das Kollektiv nicht nützlich, so kann das Kollektiv ihn verwerfen. Dazu bedarf es keiner individuellen Schuld. Es reicht, einer bestimmten Gruppe in der Gesellschaft anzugehören, um als wenig nützlich oder schädlich klassifiziert zu werden.

Weil das Eigeninteresse potentiell dem Interessen des Kollektivs entgegensteht, muss das Eigeninteresse abgeschafft werden, damit der Einzelne dem Kollektiv vorbehaltlos dienen kann. Der eigenverantwortliche Mensch ist eine Gefahr für das Kollektiv, weshalb in sozialistischen Gesellschaften der “neue Mensch” angestrebt wird, der freiwillig und ohne Nachdenken dem Kollektiv dient. Die Erschaffung des “neuen Menschen” ist ein normales Ziel sozialistischer Erziehungs- und Bildungssysteme.

Vernunftbegabt, mit Fehlern behaftet: Der Mensch im europäischen Kulturkreis

Das Menschenbild im amerikanisch-europäischen Kulturkreis ist  ein entscheidender Faktor für die intellektuelle und wirtschaftliche Vorherrschaft des Westens. Nur die Selbstbestimmtheit des Einzelnen kann auf Dauer die Kräfte seiner Vernunftbegabung freisetzen. Der Grundsatz, dass jeder Mensch für seine Schwächen und Fehler verantwortlich ist zwingt den Menschen, langfristig zu denken. Nur die Berücksichtigung der Fehler und Schwächen der Menschen ermöglicht eine Beschränkung der Macht der Herrscher. Nur eine Beschränkung der Macht der Herrscher wiederum erlaubt dauerhaft eine freiere Entfaltung des Einzelnen. Auf diesem Menschenbild beruhen zahlreiche Funktionsprinzipien der Europäischen Zivilisation. Subsidiarität, Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Recht etc. sind schwer denkbar ohne den eigenverantwortlichen, vernunftbegabten Menschen.

Aus diesen Gründen halte ich es für wichtig, sich dieses Menschenbild wieder bewußt zu machen. Das Menschenbild des vernunftbegabten aber fehlbaren Menschen kann und sollte uns jederzeit als Maßstab für die Beurteilung von Gesetzesinitiativen oder Forderungen von Parteien dienen.